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Gottesdienst am Silvesterabend, 31.12.2022
Predigt von Inselpastor Christian Neumann

 

"Kannitverstan"

Lesung: Johann Peter Hebel – „Kannitverstan“ (1809)

Der Mensch hat wohl täglich Gelegenheit, in Emmendingen und Gundelfingen so gut als in Amsterdam Betrachtungen über den Unbestand aller irdischen Dinge anzustellen, wenn er will, und zufrieden zu werden mit seinem Schicksal, wenn auch nicht viel gebratene Tauben für ihn in der Luft herumfliegen.

Aber auf dem seltsamsten Umweg kam ein deutscher
Handwerksbursche in Amsterdam durch den Irrtum zur Wahrheit und zu ihrer Erkenntnis. Denn als er in diese große und reiche Handelsstadt voll prächtiger Häuser, wogender Schiffe und geschäftiger Menschen gekommen war, fiel ihm sogleich ein großes und schönes Haus in die Augen, wie er auf seiner ganzen Wanderschaft von Duttlingen bis Amsterdam noch keines erlebt hatte.

Lange betrachtete er mit Verwunderung dies kostbare Gebäude, die sechs Kamine auf dem Dach, die schönen Gesimse und die hohen Fenster, größer als an des Vaters Haus daheim die Tür. Endlich konnte er sich nicht entbrechen, einen Vorübergehenden anzureden. „Guter Freund“, redete er ihn an, „könnt Ihr mir nicht sagen, wie der Herr heißt, dem dieses wunderschöne Haus gehört mit den Fenstern voll Tulipanen, Sternenblumen und Levkojen?" – Der Mann aber, der vermutlich etwas Wichtigeres zu tun hatte, und zum Unglück geradeso viel von der deutschen Sprache verstand als der Fragende von der holländischen, nämlich nichts, sagte kurz und schnauzig: „Kannitverstan“, und schnurrte vorüber. Dies war ein holländisches Wort, oder drei, wenn man's recht betrachtet, und heißt auf Deutsch soviel als: Ich kann Euch nicht verstehen. Aber der gute Fremdling glaubte, es sei der Name des Mannes, nach dem er gefragt hatte. Das muss ein grundreicher Mann sein, der Herr Kannitverstan, dachte er und ging weiter.

Gassaus gassein kam er endlich an den Meerbusen, der da heißt: Het Ey, oder auf Deutsch: das Ypsilon. Da stand nun Schiff an Schiff und Mastbaum an Mastbaum, und er wusste anfänglich nicht, wie er es mit seinen zwei einzigen Augen durchfechten werde, alle diese Merkwürdigkeiten genug zu sehen und zu betrachten, bis endlich ein großes Schiff seine Aufmerksamkeit an sich zog, das vor kurzem aus Ostindien angelangt war und jetzt eben ausgeladen wurde.  Schon standen ganze Reihen von Kisten und Ballen auf- und nebeneinander am Lande. Noch immer wurden mehrere herausgewälzt und Fässer voll Zucker und Kaffee, voll Reis und Pfeffer, und salveni Mausdreck darunter. Als er aber lange zugesehen hatte, fragte er endlich einen, der eben eine Kiste auf der Achsel heraustrug, wie der glückliche Mann heiße, dem das Meer alle diese Waren an das Land bringe.
„Kannitverstan“, war die Antwort. Da dacht er: Haha, schaut's da heraus? Kein Wunder, wem das Meer solche Reichtümer an das Land schwemmt, der hat gut solche Häuser in die Welt stellen und solcherlei Tulipanen vor die Fenster in vergoldeten Scherben.
Jetzt ging er wieder zurück und stellte eine recht traurige Betrachtung bei sich selbst an, was er für ein armer Teufel sei unter so viel reichen Leuten in der Welt.

Aber als er eben dachte: Wenn ich's doch nur auch einmal so gut bekäme, wie dieser Herr Kannitverstan es hat, kam er um eine Ecke und erblickte einen großen Leichenzug. Vier schwarz vermummte Pferde zogen einen ebenfalls schwarz überzogenen Leichenwagen langsam und traurig, als ob sie wüssten, dass sie einen Toten in seine Ruhe führten. Ein langer Zug von Freunden und Bekannten des Verstorbenen folgte nach, Paar um Paar, verhüllt in schwarze Mäntel und stumm. In der Ferne läutete ein einsames Glöcklein. Jetzt ergriff unsern Fremdling ein wehmütiges Gefühl, das an keinem guten Menschen vorübergeht, wenn er eine Leiche sieht, und blieb mit dem Hut in den Händen andächtig stehen, bis alles vorüber war. Doch machte er sich an den letzten vom Zug, der eben in der Stille ausrechnete, was er an seiner Baumwolle gewinnen könnte, wenn der Zentner um 10 Gulden aufschlüge, ergriff ihn sachte am Mantel und bat ihn treuherzig um Exküse. „Das muss wohl auch ein guter Freund von Euch gewesen sein“, sagte er, „dem das Glöcklein läutet, dass Ihr so betrübt und nachdenklich mitgeht.“
„Kannitverstan!“ war die Antwort. Da fielen unserm guten Duttlinger ein paar große Tränen aus den Augen, und es ward ihm auf einmal schwer und wieder leicht ums Herz. „Armer Kannitverstan“, rief er aus, „was hast du nun von allem deinem Reichtum? Was ich einst von meiner Armut auch bekomme: ein Totenkleid und ein Leintuch und von allen deinen schönen Blumen vielleicht einen Rosmarin auf die kalte Brust oder eine Raute.“ Mit diesem Gedanken begleitete er die Leiche, als wenn er dazu gehörte, bis ans Grab, sah den vermeinten Herrn Kannitverstan hinabsenken in seine Ruhestätte und ward von der holländischen Leichenpredigt, von der er kein Wort verstand, mehr gerührt als von mancher deutschen, auf die er nicht achtgab. Endlich ging er leichten Herzens mit den andern wieder fort, verzehrte in einer Herberge, wo man Deutsch verstand, mit gutem Appetit ein Stück Limburger Käse, und wenn es ihm wieder einmal schwer fallen wollte, dass so viele Leute in der Welt so reich seien und er so arm, so dachte er nur an den Herrn Kannitverstan in Amsterdam, an sein großes Haus, an sein reiches Schiff und an sein enges Grab.

 

Predigt

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede mit Euch, den Menschen seines Wohlgefallens. Amen.

 „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,38-39)

I. Kein Zufall?

Liebe Gemeinde am Silvesterabend,

„Nein, nein! Ich glaube nicht an Zufälle!“, sagt schon manchmal ein frommer Christ etwas kämpferisch und mit strengem Unterton, wenn es um die rechte Gesinnung geht, um den Glauben, dass alles, was uns im Leben begegnet, doch irgendwie von Gott her kommen muss. Gelenkt, geleitet, geführt von Gott ist unser Schicksal; Gott ist schließlich allmächtig, allwissend. So wäre es nur folgerichtig, dass alles von ihm kommt. Alles Gute kommt von oben!, sagt der ernste, fromme Christ.

Was das angeht, bin ich leider nun mal gar nicht fromm, wisst Ihr. Ich glaube an Zufälle. Zutiefst glaube ich, dass es in unserem Leben Zufälle gibt: Tausende, und täglich gibt es sie – Gott sei Dank. Der Handwerksbursche aus Tuttlingen, von dem Johann Peter Hebel erzählt, der erlebt es: zufällig kommt er an einem prachtvollen Haus vorbei, zufällig sieht er im Hafen imposante Schiffe, durch Zufall begegnet ihm ein Trauerzug – und gerade so zufällig, durch ein Missverständnis, weil seine Gesprächspartner ihn nicht verstehen und er sie nicht, gerade so zufällig gewinnt er eine tiefe Lebens-Erkenntnis. Alles Zufall?
Natürlich, denn der Erkenntnisgewinn fällt ihm zu. Er hat nicht danach gesucht, er hat ihn nicht besonders verdient, er stolpert einfach so in die Szene – und entdeckt etwas, das sein Leben zufrieden und gelassen macht und das ihm am Ende einen guten Limburger Käse gibt. Es fällt ihm zu, ohne Bedingung und ohne Leistung.

Immer, wenn ich Hebels „Kannitverstan“ lese, kann ich die Zustimmung nicht verweigern. Ja, das gibt’s im Leben, so erlebe ich das auch, oft genug: was tief und wichtig, was sinn- und glanzvoll ist, das fällt mir zu. Daran kann ich im Grunde nichts machen. Es gelingt uns nicht, das Glück herbeizuzwingen, jede Entscheidung ist ein Wagnis: Ich öffne mich der Zukunft, der Liebe und der Freundschaft auf Hoffnung und gut Glück. Ganz selten hab ich’s in der Hand, hab ich im Griff, ob, was ich beginne, gut endet, ob, was ich erträume, eintrifft, und was ich geplant habe, so gelingt.

„Ich glaube nicht an Zufälle!“? – Im Gegenteil, das Leben ist voller Zufälle, es ist ein einziger Zufall – das Leben fällt mir zu!

II. Wem Liebe zufällt

Dabei – Ihr hört‘s – verstehe ich das Wort „Zufall“ in einem besonderen Sinn. „Zufall“ heißt nicht: blindes Schicksal, Willkür des Kosmos oder völlig unbegründete Fügung.

Nein, fällt mir etwas zu, dann ist da einer, der es mir zu fallen lässt. Keiner, der allmächtig zuteilt, der Wohl und Wehe verteilt nach einem mächtigen oder gerechten Plan, der allwissend, kalt lächelnd sieht, was der Mensch denkt und es dann ganz anders lenkt. Ich glaube Gott lässt mir zufallen, was das Leben wert und teuer macht. Gott, der dort in der Krippe sein menschliches Gesicht gezeigt hat. Mit einem Kind hat er den Neuanfang gewagt, weil er hofft, dass wir den verheißenen Weihnachtsfrieden ins neue Jahr hinüberretten.  
Wem diese Liebe zufällt, weiß sich gesehen und beschenkt.

„Gott ist hier, der gerecht macht.
Christus ist hier, der für uns eintritt.
In alle dem überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.“

Gottes Zufall sieht so aus, dass ich etwas zu entdecken habe, dass mir die Augen auf- und übergehen, dass ich mich davon überraschen lassen kann – und meine Lehre ziehen, mein Glück entdecken, meine Hoffnung nähren, einschließlich Limburger Käse. Da ist mir Erkenntnis in den Sinn und ins Herz gegeben, eine Gottes-Erfahrung. Und dann ist es an mir, damit zu leben, mein Leben zu gestalten.

III. Ambiguitätstoleranz

„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“
Dieses Jahr ist sehr erfahrungsreich gewesen – für die allermeisten unter uns. Und für sehr viele kein leichtes Jahr. Wie sieht Deine Bilanz von 2022 aus? Oder hast Du schon gar keine Lust mehr, eine zu machen? Am liebsten Strich drunter, Haken dran? „Kannitverstan“, das trifft vielleicht auf vieles in diesem Jahr zu, das uns begegnet ist. Die Welt ist komplizierter geworden, friedloser und Krisen noch komplexer. Kaum zu verstehen.

Ich habe in diesem Jahr ein neues Wort gelernt: Ambiguitätstoleranz. Auf schlau meint es vereinfacht, fähig zu sein, die „Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können“.
Ich habe mir in diesem Jahr abgewöhnt zu verzweifeln. Zweifeln ja; denn der Zweifel ist gut und wichtig. Aber abgewöhnt zu verzweifeln, wenn ich keine eindeutigen Antworten mehr finde, wenn eine Situation fast unüberschaubar wird und sich nicht mit ein, zwei sinnvollen Handlungen lösen lässt. Zu verzweifeln, wenn die Kluft zwischen meinem Anspruch und der Wirklichkeit aufreißt.

„Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?“
Paulus weiß, wovon er spricht: er hat Trübsal und Angst, Verfolgung und Hunger, Blöße, Gefahr und Schwert selbst erlebt, erlitten, überlebt. Er ist daran nicht verzweifelt.
Warum? Weil er nicht daran glaubte, dass das alles von Gott kommt. Weil er erfahren hat, dass man die Verzweiflung überwinden kann. Weil er sich in seinem Leben getragen weiß von einer Kraft, die unser Verstehen übersteigt.

Hebels Handwerksbursche, der hat nicht begriffen, woher der Zufall kommt, er bleibt arglos. Jede und jeder von uns fängt ab morgen wieder ganz neu an: In dem Vielen, das mein Leben bestimmt, zu erfahren, woher das kommt und wie es zu mir gekommen ist: Liebe und Freundschaft, Zufriedenheit und Erwartung, Sehnsucht und Traum.
Meistens fühle ich mich ahnungslos wie unser Tuttlinger; ich stehe vor einem Rätsel. Oder besser: vor einem Geheimnis.

Denn das ist das Geheimnis unseres Lebens:  dass uns so viel Reichtum und Kraft zufällt, so viel Lebendigkeit und Zuversicht – und wir wissen es nicht einmal, oft genug. Das Geheimnis unseres Lebens – wir verstehen es nicht, wir loten es in der Tiefe nicht aus, erfassen seine Weite nicht; und doch ist Er da, ist Er da und wirkt, begleitet deine Zeit. „Kannitverstan“.

Manchmal spüre ich auch das. Johann Peter Hebel erzählt davon, auf ganz freundliche Weise. Was dem Tuttlinger Handwerker am Ende bleibt von seinem Sprachabenteuer in den Niederlanden, das ist: „Zufriedenheit mit seinem Schicksal“ – und der Geschmack von Limburger Käse.

IV. Lebensgewissheit

Was erwartet uns in 2023? Wir wissen es nicht. Wir ahnen es oft nicht einmal. Es gibt keine Sicherheit und kein Wissen.

Aber ich wünsche uns, dass es eine Gewissheit für Dich und mich gibt:

„Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,
weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur
uns scheiden kann von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Darauf zielen Gottes Zufälle, dass Du an seine Liebe glauben kannst. Dass Du zum Frieden kommst in dieser Zeit.  Dass Du in ein neues Jahr gehst und die Dir gegebenen Tage gelassen – oder besser: getrost – annimmst und gestaltest.  

Liebe Schwestern und Brüder,

Ein neues Jahr liegt vor uns, 365 Tage, Anno Domini 2023, ein Jahr des Herrn. Wir werden nicht alles verstehen. Es wird viel zu ertragen geben - ambiguitätstolerant. Manche werden Limburger Käse essen. Aber wir alle werden, wohl ohne es recht zu verstehen, die vielen Gelegenheiten von Gottes Liebe ergreifen können.

Dem folgt dann, was wir uns alle wünschen und einander zurufen: Ein gutes, ein gesegnetes neues Jahr.        
Amen.

Inselpastor Christian Neumann - eMail: Christian.Neumann@evlka.de